Gott sucht uns, so wie wir sind, wir dürfen auch suchen

Gott sucht uns, so wie wir sind, wir dürfen auch suchen

(1.Tim 1,12-17)

Ihr Lieben,

Seit einiger Zeit mag ich Suchbilder, darum habe ich Euch wieder eins mitgebracht. Der Dichter Franz Kafka schrieb 1911: „das Versteckte in einem Vexierbild sei deutlich und unsichtbar. Deutlich für den der gefunden hat, wonach zu schauen er aufgefordert war, unsichtbar für den, der gar nicht weiß, dass es etwas zu Suchen gilt.“

Vexier kommt übrigens von Vexare = plagen, denn diese Bilder plagen uns, bis klar ist, was drauf ist. Ich mag diese Suchbilder immer mehr, weil ich denke, dass Gott uns in anderen Menschen Suchbilder schickt.

Wenn ich durch die Stadt eile, sind Menschen und Autos eher Hindernisse; ich könnte da niemand grüßen, sie sind alle unsichtbar. Wenn ich aber etwas mehr Ruhe habe, dann sind da Menschen mit Lebensgeschichten, von denen ich welche kenne und andere vermute. In den 60er Jahren hat ein Meister der Situationskomik an einer Ampel Menschen mit Hund in ihren Autos gefilmt – herrlich, wie passend wer sich mit wem zusammen tat!

Wenn ich nun Menschen näher begegne, höre ich Gott sagen: „Such mich in diesen Menschen!“ Wo ist wohl Gott, in dem was ich höre und sehe oder erfahre? Das finde ich eine wunderschöne Frage, denn sie macht nicht mehr wichtig, was ich als ersten Eindruck habe.

Mein erster Eindruck kommt ja, wenn ich das, was ich sehe, mit dem verbinde, was ich durch meine Eltern, durch meine Erfahrungen und durch Bücher weiß. So ein erster Eindruck ist oft negativ gefärbt und kann sein: „na, die wird ihr Übergewicht auch nicht mehr los!“ oder aber „Bei dem Machogehabe könnte er durchtrainierter aussehen.“ Oder auch „dass immer dieselben Typen sich zu jung und zu bunt kleiden, und nach dem Männern gucken!“ oder „wieder eine Busladung Dänen für die Billigläden“. Seit wir Menschen von Gott getrennt sind, neigen wir dazu, überall etwas Negatives, eine Art saure Trauben zu sehen, die die Zähne stumpf machen. Das ist ein Thema, mit dem wir ein Leben lang umgehen müssen, so wie wir mit dem Körperbau oder den Empfindlichkeiten umgehen müssen, die wir von unseren Eltern geerbt haben.

Doch das sind nur die Voraussetzungen für unsere eigene Geschichte nicht das Ende. Von Hesekiel, so hat Peter ja vorgelesen, wissen wir, dass Gott will, dass wir jede und jeder für sich unsere eigene Geschichte aus dem Ererbten machen, und das sie gut – nämlich bei Gott – endet. (Hesekiel 18,1-4+21-24+30-32)

Darum sind wir alle wie dies Suchbild: es gibt etwas, was zuerst sichtbar ist, und etwas, was gesucht und gefunden werden kann.

Aufgrund der eigenen Erfahrungen fangen Paulus und später Luther mit folgenden Suchfrage an: „Wo bin ich so schlecht wie die Menschen, die mir gegenüber sind?“ Ich lese nochmal vor was Paulus im 1. Brief an Timotheus schreibt: Jesus Christus hat mich für vertrauenswürdig erachtet und in seinen Dienst genommen, obwohl ich ihn doch früher beschimpft, verfolgt und verhöhnt habe. Aber er hat mit mir Erbarmen gehabt, weil ich nicht wusste, was ich tat. Ich kannte ihn ja noch nicht. …Es ist ein wahres Wort und verdient volles Vertrauen: Jesus Christus ist in die Welt gekommen, um die Sünder zu retten. Unter ihnen bin ich selbst der Schlimmste. Deshalb hatte er gerade mit mir Erbarmen und wollte an mir als Erstem seine ganze Geduld zeigen. Er wollte mit mir ein Beispiel aufstellen, was für Menschen künftig durch den Glauben – das Vertrauen auf ihn – zum ewigen Leben kommen können. (1.Tim 1, 12b-13+15-16)

Ja, die Frage: „wo bin ich so schlecht wie mein Gegenüber?“ hilft, dass ich mich auf eine Stufe mit den anderen setze. Sie ist bloß so negativ, dass heraus kommt, dass wir alle eigentlich Dreck sind. Von dieser Frage aus betrachtet würde ich mit mir nicht essen wollen geschweige denn etwas für mich tun. Gott muss dann verrückt sein, dass Gott selber Mensch wurde und sogar in Achtung vor unseren Vorurteilen gestorben und für die neuen Chancen mit uns auferstanden ist. Warum sollte Gott uns so lieben, wenn wir eigentlich so schlecht sind?

Über dies Warum will ich nicht grübeln, denn da finde ich keine Antwort.

Doch Tatsache ist: Gott ist für uns Mensch geworden, ist für uns gestorben und auferstanden, so wie wir sind. Jesus Christus hat mit Menschen gegessen, die ich nach dem ersten Eindruck sogar noch schlechter finde als mich selbst. In Seiner letzten Mahlzeit hat er denen sogar sein Erbe anvertraut, die ihn verraten und am Kreuz allein gelassen haben. GottseiDank hat Jesus der Auferstandene dann wieder mit denselben Menschen gegessen. Was für eine Liebe! Da müssen wir doch auch irgendwie liebenswert sein, oder?

Deshalb suche ich lieber nach Gott in den anderen Menschen als nach unserem gemeinsamen Schlechten. Denn Gott hat die anderen und mich so lieb, dass er uns in die Welt gesetzt hat, so dass wir uns begegnen können. Gott hat sich durch den Tod hindurch eingesetzt, dass wir Frieden und Gemeinschaft haben können. Da muss doch Gott in jedem einzelnen Menschen etwas gefunden oder hineingelegt haben, was Gottes Liebe zeigt.

Also suche ich gerne das Göttliche in anderen Menschen. Natürlich muss ich da von meinem ersten Vorurteil oft genug einen Umweg über die Suchfrage von Paulus und Luther machen: „worin bin ich so schlecht, wie ich die anderen finde?“ Aber am Ende kommt oft für mich heraus: „wir sollten feiern, dass es uns gibt! Lasst uns miteinander essen und trinken und danken, dass Gott uns so viel Gutes schenkt und tut!“

Übrigens: Im Suchbild habe ich 10 Gesichter gefunden – viele einander zugewandt.

Paulus schreibt: Gott, dem ewigen König, dem unsterblichen, unsichtbaren und einzigen Gott, gehört die Ehre und Herrlichkeit für alle Ewigkeit! Amen. Amen.

Dyan´s aus Wikipedia Commons

Dyan’s aus Wikipedia Commons

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