Israelsonntag

Heute ist ein ganz besonderer Sonntag: der sogenannte „Israelsonntag“. [Er wird traditionell amIsraelsonntag (4) 10. Sonntag nach Trinitatis gefeiert.] Auch wenn wir uns das häufig gar nicht bewusst machen: Unser christlicher Glaube und auch unser Gottesdienst hängen aufs Engste mit dem Judentum zusammen! Das wollen wir an diesem Sonntag deutlich machen: Während des heutigen Gottesdienstes zünden wir sieben Mal jeweils eine Kerze an – als Zeichen der Verbundenheit mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern. Sieben Lichter. Der siebenarmige Leuchter, die Menora, stand im jüdischen Tempel und ist bis heute ein wichtiges Symbol für das Judentum.

Predigt über Römer 9,1–8.14–16
Ihr Lieben,
Wie gut und wie traurig, dass Gott so viele menschliche Kinder hat!
Wir freuen uns, dass wir Gottes Kinder sind. Aber wie in vielen menschlichen Familien streiten sich auch in Gottes Familie aus Christen und Juden – und nun auch Muslimen – die Kinder, wer wohl den Eltern am liebsten ist. Das war zu früheren Zeiten sehr blutig. Juden haben jahrzehntelang die ersten Christen verfolgt; Christen haben dafür jahrhundertelang bis in die Mitte des letzten Jahrhunderts die Juden verfolgt.
Heutzutage betonen wir eher das Gemeinsame, deswegen zünden wir ja heute diese sieben Kerzen an. Doch die Juden sind immer noch so verletzt und empfindlich, dass sie sich als Juden missachtet fühlen, wenn jemand Kritik an ihrer Regierung vor allem im Umgang mit den Palästinensern übt. Juden sind ja bis heute nicht einfach Mitglieder einer Religionsgemeinschaft sondern sie sind alle miteinander entfernt verwandt als Mitglieder eines auch biologischen Volkes. Alle Juden haben nämlich eine jüdische Mutter, das ist ihr Merkmal neben der Beschneidung der Vorhaut bei den Jungen. Der Glaube als Haltung des Herzens spielt eine Nebenrolle. Juden sind also Volk Gottes durch den Bund mit ihrem Stammvater Abraham, seinem Sohn Isaak und dessen Sohn Jakob.
Wir alle hier aber sind oft biologisch gar nicht miteinander verwandt, selbst Jahrhunderte zurück finden wir immer noch, dass unsere Vorfahren aus verschiedenen Ländern ohne Verbindungen zueinander kommen. Wir sind Gottes Volk durch unsere Taufe und unseren Glauben an Jesus Christus, der Jude war. Das ist eine ganz andere Art zu Gott zu gehören.
Viele Theologen sagen nun: es gibt ein erstes Volk Gottes und ein zweites Volk Gottes. Das klingt wie: Gott hat ein älteres Kind und ein jüngeres Kind.
Seit Mohammed im Koran die Geschichte Gottes mit den Juden und die Geschichte von Jesus Christus positiv doch sehr anders aufgenommen hat, könnten wir sagen: da ist noch ein drittes Kind.
Ja, jetzt hat uns das älteste Kind den Bund Gottes mit den zehn Geboten und vor allem dem Ruhetag, an dem wir jetzt gerade in Ruhe Gottesdienst feiern gegeben. Also ist es verständlich, dass es sagt: „ich bin das eigentliche Volk Gottes; Jesus war nur ein Teil von uns.“ Paulus, der Jude der Christ wurde, konnte solche Reden kaum aushalten. Wir haben ja gehört, wie er an die Römer schrieb: Ich bin tieftraurig und es quält mich unablässig, wenn ich an meine Brüder und Schwestern denke, die Menschen aus meinem Volk. Wenn es möglich wäre, würde ich es auf mich nehmen, selbst an ihrer Stelle verflucht und für immer von Christus getrennt zu sein.
Ja, an Jesus Christus entscheidet sich, wer aus der Gnade Gottes Leben und sich freuen kann. Klar, dass wir jüngeren Kinder nun sagen: „wir sind das eigentliche Volk Gottes.“
Doch auch menschliche Eltern sehen, wie ältere und jüngere Kinder verschieden sind, aber sie wollen keinen Unterschied in ihrer Liebe. Wenn schon menschliche Eltern sagen können: „Du bist auf die eine Weise mein geliebtes Kind und Du bist auf die andere Weise mein geliebtes Kind.“ – dann kann Gott das umso mehr.
Paulus schreibt: Sie sind doch Israel, das von Gott erwählte Volk. Ihnen gehört das Vorrecht, Kinder Gottes zu sein. … Sie sind die Nachkommen der von Gott erwählten Väter, und zu ihnen zählt nach seiner menschlichen Herkunft auch Christus, der versprochene Retter. … Es kann keine Rede davon sein, dass dies alles nicht mehr gilt und also das Wort Gottes ungültig geworden ist.
Also von Gott her sind Juden und wir Christen beide Teile von Gottes Volk.
Das müssen wir aushalten, auch wenn wir denken, dass den Juden etwas zum Heil fehlt. Paulus rang darum in vielen Briefen und in mehreren Kapiteln des Briefs an die Römer. Zu und zu gerne hätte er gesehen, dass die Juden ihre Verbindung zu Gott über den Juden Jesus Christus halten und nicht über Gottes Wort und besonders die Zehn Gebote. Aber gleichzeitig hatte er schon in Abrahams Geschichte gefunden, wie Gott sich die Nachkommen auswählt. So schreibt Paulus: Gott sagte zu Abraham: »Durch Isaak gebe ich dir die Nachkommen, die ich dir versprochen habe.« Das heißt: Nicht die natürliche Abstammung von Abraham, sondern erst die göttliche Zusage macht zu echten Abrahamskindern und damit zu Kindern Gottes.
Gottes Zusage ist also das wichtigste und Gottes Zusage gilt Juden und Christen als Kindern Gottes.
Mohammed hat auch Gottes Zusage für alle erhalten, die dem Koran folgen.
Nur Juden, Christen und Moslems berufen sich auf eine solche Zusage Gottes; keine andere Religion der Welt tut das. Allen dreien, den Juden und uns Christen und den Moslems, hat Gott sich offenbart und dafür gesorgt, dass diese Offenbarung aufgeschrieben wurde.
So denke ich, dass Gott die Moslems als drittes Kind in Gottes Familie sieht. Nur dass im Moment dieses Kind noch rechthaberischer ist als alle anderen.
Doch wie sollen wir Christen nun damit umgehen, mit diesen Verbindungen und mit diesen gewaltigen Unterschieden? Als erstes indem wir uns darauf konzentrieren, worauf sich auch Paulus konzentriert hat. Ich lese nochmal vor: Gott sagte ja zu Mose: »Es liegt in meiner freien Entscheidung, wem ich meine Gnade erweise; es ist allein meine Sache, wem ich mein Erbarmen schenke.« Es kommt also nicht auf den Willen und die Anstrengung des Menschen an, sondern einzig auf Gott und sein Erbarmen.
Darum können wir für uns wissen, dass Jesus Gott selbst als Mensch uns in Gottes Arme geholt hat. Wir können uns freuen, dass Jesus Christus uns durch seinen Tod und seine Auferstehung neues Leben mit Gott und mit anderen Menschen ermöglicht hat. Für uns können wir uns freuen und diese Freude an andere ausstrahlen.
Doch was Gottes Liebe mit anderen macht und welche Wege Gott sie in Freundschaft führt, das wissen wir nicht. Auch wenn wir uns noch so sehr darum sorgen, Gottes Erbarmen ist für die anderen da genauso wie für uns. Gott erbarmt sich ihrer auf Gottes Weise nicht auf unsere Weise.
Traurig ist, dass so viele Menschen auf der Welt Gottes freies Erbarmen mit den anderen nicht aushalten können! Traurig ist, dass so viele einander in ihrer Beziehung zu Gott angreifen mit Worten und Taten – sogar mörderisch!
Traurig ist, dass wir Menschen gerne mit der Religion auch unsere Macht und unseren Besitz durchsetzen wollen!
Jesus Gott als Mensch wird immer neu gekreuzigt in unserem Zusammenleben als Kinder Gottes, finde ich.
GottseiDank lässt Gott die Liebe nicht im Tod! GottseiDank ersteht Jesus Gott als Mensch immer wieder auf in unseren Herzen und schenkt uns durch den Heiligen Geist immer neue Gelegenheiten zu Hilfe und Gemeinschaft! „Dafür sei Gott, der Herr über alles, in Ewigkeit gepriesen!“ Amen.

Pastorin Regina Waack

Wir wünschen Frieden euch allen

Israelsonntag (7)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s