Europasonntag 07.05.2017

Wir feiern heute mit vielen europäischen Ländern die Europawoche: Sie liegt jeweils umeuropa den 5. Mai als Gründungstag des Europarates und den 9. Mai als den Tag, an dem der französische Außenminister Robert Schumann 1950 die Grundlage zum EU-Vorläufer Montanunion legte.

 

NT-Lesung 1. Korinther 12, 4-6 + 12-27 (aus der Übersetzung der Guten Nachricht)

Es gibt verschiedene Gaben, doch ein und derselbe Geist teilt sie zu. Es gibt verschiedene Dienste, doch ein und derselbe Herr macht dazu fähig. Es gibt verschiedene Wunderkräfte, doch ein und derselbe Gott schenkt sie – er, der alles in allen wirkt.
Der Körper des Menschen ist einer und besteht doch aus vielen Teilen. Aber all die vielen Teile gehören zusammen und bilden einen unteilbaren Organismus. So ist es auch mit Christus: mit der Gemeinde, die sein Leib ist. Denn wir alle, Juden wie Griechen, Menschen im Sklavenstand wie Freie, sind in der Taufe durch denselben Geist in den einen Leib, in Christus, eingegliedert und auch alle mit demselben Geist erfüllt worden. Ein Körper besteht nicht aus einem einzigen Teil, sondern aus vielen Teilen. Wenn der Fuß erklärt: »Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich nicht die Hand bin« – hört er damit auf, ein Teil des Körpers zu sein? Oder wenn das Ohr erklärt: »Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich nicht das Auge bin« – hört es damit auf, ein Teil des Körpers zu sein? Wie könnte ein Mensch hören, wenn er nur aus Augen bestünde? Wie könnte er riechen, wenn er nur aus Ohren bestünde? Nun aber hat Gott im Körper viele Teile geschaffen und hat jedem Teil seinen Platz zugewiesen, so wie er es gewollt hat. Wenn alles nur ein einzelner Teil wäre, wo bliebe da der Leib? Aber nun gibt es viele Teile, und alle gehören zu dem einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: »Ich brauche dich nicht!« Und der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: »Ich brauche euch nicht!« Gerade die Teile des Körpers, die schwächer scheinen, sind besonders wichtig. Die Teile, die als unansehnlich gelten, kleiden wir mit besonderer Sorgfalt und die unanständigen mit besonderem Anstand. Die edleren Teile haben das nicht nötig. Gott hat unseren Körper zu einem Ganzen zusammengefügt und hat dafür gesorgt, dass die geringeren Teile besonders geehrt werden. Denn er wollte, dass es keine Uneinigkeit im Körper gibt, sondern jeder Teil sich um den anderen kümmert. Wenn irgendein Teil des Körpers leidet, leiden alle anderen mit. Und wenn irgendein Teil geehrt wird, freuen sich alle anderen mit. Ihr alle seid zusammen der Leib von Christus, und als Einzelne seid ihr Teile an diesem Leib.

 

Ihr Lieben,

Gerade eben haben wir von der Vielfalt und der Einheit darin gehört. Das passt sehr gut europe-1155038zum Europäischen Pott, der für uns alle in der Mitte auf dem Tisch steht. Diese Handelsunion hat uns seit über 60 Jahren gute Dienste geleistet, wie ja überhaupt Handelsunionen besser sind als politische Verträge.

Schon vor 1000 Jahren hat es in den deutschen Landen Handelsunionen gegeben; ich denke an Haitabu bei Schleswig und an die Hanse. Deutschland liegt ja ziemlich mittig in Europa und hat große Wasserwege, da haben immer schon viele Handel getrieben. Wie ich eben andeutete, stelle ich mir eine Handelsunion als einen großen Pott vor, in den viele verschiedene Menschen Verschiedenes hineintun und Verschiedenes herausnehmen. Dabei kommt es immer darauf an, dass sie das, was sie reintun, gut mit dem vergleichen können, was sie rausnehmen. Es entwickeln sich in Handelsunionen immer gemeinsame Standards und gemeinsame Verfahren und Handelsrechte. Außerdem ist es wichtig, dass die Menschen die Dinge aus dem Handelspott gut in ihre Häuser kriegen, sonst kommen sie nicht wieder zum Handeln. Darum braucht eine Handelsunion gute und sichere Wege und einen gewissen Frieden. Eine politische Union kann den Frieden als Gewaltherrschaft herstellen, eine Handelsunion braucht Miteinander und Kompromisse. Weil eine politische Union auf Macht von Parteien oder Personen beruht, geht sie immer wieder in Kriegen oder Aufständen unter.

Eine Handelsunion wie die Hanse hat etwa 500 Jahre funktioniert und einige territoriale Kriege überstanden.

Auch in den Staaten der Europäischen Union hat es Kriege und Staatskrisen gegeben, doch der Europäische Pott ist immer noch da und macht vielen Menschen vieles möglich. Inzwischen wird er auch zur Wertegemeinschaft aufpoliert. Doch weil es eben nur ein Pott ist, gibt es viel Hickhack darum, wer wie viel hineintut und wer was herausnimmt. Denn dieser Pott ist eine begrenzte Gemeinschaft zum Geben und Nehmen. Wir sind täglich Teil davon.

Doch wir sind auch Teil einer anderen Gemeinschaft. Gott liebt uns, darum sind wir da, das haben wir mit Menschen anderer Religionen gemeinsam. Nur um zu zeigen wie groß Gottes Liebe ist, habe ich mal ausgerechnet, wie oft Gott Frauen die Möglichkeit gibt, ein Kind zu empfangen. Wenn ich annehme, dass alle Frauen zwischen 15 und 45 Jahren ihre Periode haben und also jeden Monat eine Eizelle springt, dann sind wir alle eine von 360 Möglichkeiten unserer Mütter. Niemand von uns hat 3o Geschwister – falls gesunde Frauen jedes Jahr ein Kind bekämen. Doch ohne überhaupt etwas dazu tun zu können, sind wir aus den 360 Möglichkeiten unserer Mütter eine, die hier sitzen und sich am Leben freuen darf. Was für eine Fülle, aus der wir ausgewählt wurden, einfach so aus Liebe!

Einige unter uns haben Gottes Liebe bestätigt gefunden, als sie in Lebensgefahr waren und nichts tun konnten.   Sie wissen ganz besonders, dass sie ein Geschenk an die Welt sind.

Wie gesagt, dieses Bewusstsein von Gottes Liebe zu uns Menschen an sich teilen wir mit Menschen aller Religionen, die von Gott als Liebe sprechen, ob sie nun Adonai oder Gott oder Allah sagen. Mit ihnen zusammen bemühen wir uns beim Hickhack um den Europäischen Pott um Großzügigkeit beim Verteilen und um Sozialstandards, weil alle Gottes Geschenke sind.

Doch wir Christen sind Teil einer noch engeren Gemeinschaft. Gucken wir mal Jesus und die Pötte, also die Mahlzeiten, an: da ist der erste Fischzug des Petrus als Gegenleistung für ein paar Meter auf den See fahren, diese Mahlzeit reichte seiner Familie für Monate. Dann die Mahlzeiten für Tausende und der Wein für die Hochzeit, die Leute hatten mehr als genug und sogar dann, als sie es nur zur Freude brauchten. Gibt unser Europäischer Pott allen genug und sogar etwas Freude und Luxus?

abendmahl2Schließlich der letzte Pott mit Jesus: das Abendmahl. Da sagte er: „einer wird mich verraten“ und alle fragten: “Bin ich es?“, weil sie alle wussten, was für Wackelkandidaten sie waren. Diesen Wackelkandidaten, und später uns Wackelkandidaten, gab Jesus das Brot und sagte: „Nehmt und esst, das bin ich. Mit allem will ich mich für Euch und alle Menschen einsetzen, ganz eng will ich mit euch und ihnen zusammen sein.“

Am Ende begründete er einen neuen Bund aus einem Kelch, wo alle gemeinsam draus trinken, weil alle mit ihm und miteinander so eng verbunden sind, wie es nur in Familien vorkommt oder an einem Leib vorkommt.

Dasselbe ist allen Christen Europas passiert, ob Griechenland oder Ungarn oder Schweden oder England. Wir alle sind durch Taufe und Abendmahl Christi Leib und Christi Familie. Was heißt das für den Europäischen Pott? In allen Verhandlungen bleiben wir auch mit denen irgendwie verbunden, die wir nicht mögen.   In einer Familie gehören auch die Mitglieder dazu, die gehen. Darum gibt es in Familien oft so hartnäckigen Streit, der alles ausreizt, und dann doch immer wieder Wege zur Versöhnung.

Weil Jesus Christus auferstanden ist, wissen wir in Christi Familie besonders gut, dass ein Neuanfang immer möglich ist. Das gilt auch für den Europäischen Pott und auch für die Länder, mit denen es im Moment schwer ist.

So gehen wir heute wählen als Gottes Geschenke an die Welt, als Teilhaber am Europäischen Pott und als Geschwister von Christi Familie, die auch weltweit ist. Amen.

Pastorin Regina Waack

 

Ich möchte ein Mensch des Friedens werden. munkaképek (56) Ich möchte so leben, dass auch andere Menschen leben können – neben mir – fern von mir – nach mir. Ich suche das Gespräch mit Andersdenkenden. Ich bedenke die Fragen, die sie mir stellen. Ich möchte so leben, dass ich niemandem Angst mache. Ich bitte darum, dass ich selber der Angst nicht unterliege. Ich setze meine Fähigkeiten und Kräfte für eine Gesellschaft ein, in der der Mensch dem Menschen ein Helfer ist. 

(Friedrich Schorlemmer und Friedenskreis Wittenberg, 1983)

Kennt Ihr ….. Dr. Ruth Pfau?

ruth pfauDr. Ruth Pfau wurde 1929 in Leipzig geboren. Während ihres Medizinstudiums ließ sie sich taufen. Danach trat die Ärztin in den Orden „Töchter vom Herzen Maria ein“, deren Schwestern vor allem bei den Menschen Dienst tun.

Im Jahr 1960 reiste Ruth Pfau für ihren Orden nach Indien. Bei einem Zwischenhalt von einigen Tagen in Karachi/Pakistan sah sie mit Lepra infizierte Menschen und änderte ihre Pläne. Mittlerweile lebt sie seit 52 Jahren in Pakistan und betreut unter Lepra, Tuberkulose und anderen Krankheiten leidende arme Menschen. Unermüdlich fördert sie Menschenrechte, Völkerverständigung und die Achtung aller Religionen.

Mitten im Slum errichtete sie ihren ersten Behandlungsraum für die Kranken. Lepra war damals nicht heilbar. Mehr als 600 Menschen kamen bereits im ersten Jahr. Notwendige Operationen wurden oft in der Leichenhalle des städtischen Krankenhauses durchgeführt; keiner wollte diese „Aussätzigen“ haben. Ruth Pfau hatte wenig Geld und Probleme mit den Behörden.

1961 erschien in Deutschland ein Zeitungsartikel über die mutige Ärztin. Danach gab die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe Geld. Das Behandlungszentrum wurde erweitert und ein Krankenhaus für die Betroffenen gebaut. Regelmäßige Beiträge der Lepragesellschaft, Ausschüttungen der 1996 gegründeten Ruth-Pfau-Stiftung und genügend Fachkräfte sichern nun diese wichtige Arbeit.

2009 sagte Ruth Pfau: Anzufangen ist in der Regel einfach, aber zum Durchhalten, dafür braucht man nicht nur ein bisschen Mut, sondern eine tüchtige Portion Humor, denn sonst würde man bei den vielen Schwierigkeiten irgendwann aufgeben. 2010 werde ich mein 50. Jahr in Pakistan feiern. Wenn man so lange freiwillig dort geblieben ist, dann muss es ja auch irgendwie schön sein. Ich hätte ja mein Leben nicht einfach so heroisch verbracht. Ich bin in Pakistan wirklich glücklich gewesen, und bin es auch heute noch. Mir ist wichtig, dass ich in meinem Buch “Und hätte die Liebe nicht. 50 Jahre in Pakistan“ einen anderen Blick auf den Islam werfen kann. Nur eine ganz geringe Minderheit dort sind Extremisten. Wir müssen ihnen und den Sympathisanten das Wasser abgraben. Mein größter Wunsch ist Frieden, Frieden, Frieden.

Folgende Bücher von Ruth Pfau finde ich gut:

  • Und hätte die Liebe nicht. 50 Jahre in Pakistan. Hrsg. von Michael Albus. 2010, ISBN und-haette-die-liebe-nicht-50-jahre-in-pakistan-978-3-451-33640-9-43620978-3-451-30297-8.
  • Das Herz hat seine Gründe. Mein Weg. 2003, ISBN 3-451-28221-6.51F4ha+UhYL._AC_US218_

Mich beeindruckt, wie diese Frau aus Liebe zu Gott und den Kranken ihre Gesundheit riskiert und einen anderen Blick auf den Islam mit uns teilt.

Dorothea Messner

Quelle: Mutmachpost, Mai 2017

Monatsspruch Mai

Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt.  (Kol 4,6)

monatsspruch maiLiebe Leserin, lieber Leser,

Jetzt kommen wieder viele Menschen draußen ins Gespräch. Weil sie sich von Jesus Christus geliebt fühlen, möchten viele Christen liebevolle Gespräche führen. Was kann liebevoll sein? Liebe zeigt Interesse. Liebe kümmert sich um andere, aber nur wenn die das wollen. Mit Vorschlägen riskieren wir ja immer, dass sie auch als Schläge verstanden werden. Was ist mit Gesprächen voller Vorurteile und Feindschaft gegen Abwesende? Soll Liebe da nur das Thema wechseln, damit alles harmonisch bleibt? John Wesley hat sich zu sozialen Themen viele Streitgespräche geleistet. Jesus selbst ist schwierige Themen angegangen, hat aber Geschichten erzählt, um zu einem neuen Verständnis einzuladen. Vielleicht können wir das auch, weil Gott uns Ideen schenkt.

Gute Gespräche mit allen um Euch/Sie herum wünscht Eure/Ihre Pastorin Regina Waack

 

Veranstalungskalender Mai 2017

 

Di 02.05. 12:00 Uhr Straßenarbeit zusammen mit der Gemeinschaft in der Ev. Kirche
Mi 03.05. 06:00 Uhr Gebetskette für Stadt und Land für Erweckung und Weisheit
Fr 05.05. 17:00 Uhr Trommeln mit Lydia
So 07.05. 10:00 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl mit R. Waack und Raphael Kiss-Rabata
    11:00 Uhr Kirchenkaffee
Di 09.05. 07:45 Uhr Never Walk Alone 
Treffpunkt Friedhof Flensburg am Friedenshügel
    12:00 Uhr Straßenarbeit zusammen mit der Gemeinschaft in der Ev. Kirche
Mi 10.05. 06:00 Uhr Gebetskette für Stadt und Land für Erweckung und Weisheit
Do 11.05. 18:30 Uhr Hauskreis Flensburg
Fr 12.05. 17:00 Uhr Trommeln mit Lydia
    19:00 Uhr Hauskreis Schleswig
So 14.05. 10:00 Uhr Gottesdienst mit Regina Waack und Peter Nordmann
    11:00 Uhr Kirchenkaffee
Mo 15.05. 17:00 Uhr Kraftwerk – Glaube am Montag, Gebets-und Fragestunde mit R.Waack
Di 16.05. 12:00 Uhr Straßenarbeit zusammen mit der Gemeinschaft in der Ev. Kirche
Mi 17.05. 06:00 Uhr Gebetskette für Stadt und Land für Erweckung und Weisheit
Fr 19.05. 17:00 Uhr Trommeln mit Lydia
So 21.05. 10:00 Uhr Gottesdienst mit Hilde Zeriadtke und Edgar Nordmann
    11:00 Uhr Kirchenkaffee
Di 23.05. 12:00 Uhr Straßenarbeit zusammen mit der Gemeinschaft in der Ev. Kirche
Di 23.05. 18:00 Uhr öffentliche Sitzung der Gemeindeleitung
Mi 24.05. 06:00 Uhr Gebetskette für Stadt und Land für Erweckung und Weisheit
Do 25.05. –.– Himmelfahrt kein Gottesdienst in der EmK Flensburg
Fr 26.05. 17:00 Uhr kein Trommeln mit Lydia wegen Pfingstferien
So 28.05. 10:00 Uhr Gottesdienst mit Regina Waack und Peter Nordmann
    11:00 Uhr Kirchenkaffee
Di 30.05. 12:00 Uhr Straßenarbeit zusammen mit der Gemeinschaft in der Ev. Kirche
Mi 31.05. 06:00 Uhr Gebetskette für Stadt und Land für Erweckung und Weisheit

 

Der gute Hirte – Predigt am Sonntag Misericordias Domini

Predigt zu Joh. 10, 11-14 – Sonntag Misericordias Domini

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
12 Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –,
13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

 

Liebe Schafe!

Die Anrede ist nicht schmeichelhaft. Durchaus kann sie als Beleidigung verstanden werden. Wir sind selbständige, aufgeklärte Menschen, stehen mit beiden Beinen im Leben und wollen durchaus keine Schafherde sein. Manchmal benehmen wir uns wie dumme Schafe; dabei weiß ich gar nicht ob Schafe dumm sind. Schäfer würden mir vielleicht widersprechen. Mir gefällt es nicht, dass dieser Text mich mit einem Schaf vergleicht und ich Teil einer Schafherde bin.

schafSchafe sind sehr genügsam, können unter widrigsten Bedingungen überleben, erklimmen steile Berghänge und leben große Teile des Jahres in völliger Freiheit und Unabhängigkeit von ihren Hirten, bringen ihr Lämmer ohne jede Hilfe auf die Welt. Starke Tiere! Was wäre, wenn ich deren Stärke und Unabhängigkeit, Härte und Genügsamkeit hätte?

Sie geben Wolle, Fell und Fleisch, manche geben Milch, man kann leckeren Käse daraus machen. Sie stehen für Wärme und Nahrung. Und sind damit sehr produktiv und nützlich, obwohl sie außer ein paar trockenen Gräsern und Wasser nichts fressen, vor allen Dingen keine anderen tierischen Lebewesen. Unvorstellbar, dass ich mit so wenig körperlicher, geistiger und seelischer Nahrung, mit so wenig Raubbau oder Gewalt an mir und gegenüber anderen so viele Beiträge für die Gemeinschaft leisten könnte…..

Bei näherem Hinsehen sieht auch jedes Schaf anders aus und blökt anders. Vielleicht bin nur ich es, die die Schafe mir ihre je eigenen Individualität nicht auseinanderhalten kann? Vielleicht geht es mir bei den Schafen wie bei Menschen aus anderen Ländern – weil sie uns fremd sind sehen wir nur das Fremde – und die individuellen Unterschiede zwischen den Schafen treten hinter dem Fremden zurück? Vielleicht ist es mein eigenes mangelndes Differenzierungsvermögen, was den Schafen Herdenverhalten und fehlende Individualität unterstellt.

So haben Schafe durchaus Eigenschaften, die ich mir zum Vorbild nehmen könnte: Etwas weniger Individualität, etwas mehr Genügsamkeit und weniger Ansprüche für mich selbst, etwas mehr Beiträge zum Gemeinwohl.

Doch eindeutig sind meine Gefühle nicht. Ich liebe, wie wohl die meisten von uns den 23. Psalm. Da wird mir ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Ich kann meine Sorgen loslassen. Der Psalm tröstet und macht Mut. Also doch Schaf sein?

Im Text des Evangeliums geht es gar nicht um Schafe. Es geht um Hirten.

  1. Der Hirte

    Hirten in den Ländern Vorderasiens haben nichts mit einer kitschigen Schäfer-Idylle zu tun. Große Teile Palästinas, dem Land der Bibel und darüber hinaus, eignen sich nicht für den Ackerbau und somit einer sesshaften Lebensweise. Es gab und gibt heute noch Nomaden, die mit ihren Herden die karge Steppenlandschaft durchziehen. Immer auf der Suche nach Wasser und Weideplätzen. Immer bereit für Wasser und Weiderechte sich auf handfeste Auseinandersetzungen einzulassen. Immer bereit sich gegen zwei- und vierbeinige Räuber zur Wehr zu setzen. Abraham, Isaak und Jakob, die Stammväter Israels, waren solche Nomaden.

    In dieser nomadischen Kultur wurde der Hirte zum Bild für den verantwortungsbewussten Herrscher. Die Sumerer, die Assyrer, die Babylonier und die Griechen zur Zeit Homers nannten ihre Könige Hirten. Das war ein Ehrentitel. In Israel wurde der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit diesem Titel bedacht.
    Nicht die Schäfer-Idylle, sondern dieses Bild sahen die Zuhörer Jesu als er sagte: „Ich bin der gute Hirte.“

    Das Gegenteil des „guten Hirten“ ist der „Mietling“. Man kann das Wort, das im grie. dort steht auch mit „Söldner“ übersetzen. Der „Mietling“ oder der „Lohnarbeiter“ tut seinen Job, aber er ist kein Hirte. Der „Mietling“ arbeitet für seine Interessen und wenn es gefährlich wird lässt er die Herde Herde sein. Der Prophet Ezechiel geißelt solche Nichthirten: (Ez. 34,2ff)

 

        So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.

Wir kennen solche Nichthirten aus der eigenen Geschichte. Und unsere Großväter und Großmütter, Väter und Mütter waren wie eine Schafherde. „Führer befiehl, wir folgen dir.“

Oder denkt an die Führungsclique der vergangenen DDR. Das Land betrachteten sie als Selbstbedienungsladen.

Oder die vielen Diktatoren, Präsidenten in Afrika, Asien, Europa. Rupert Neudeck nannte sie „Kleptokraten“.

Und in vieler Hinsicht sind unsere Führer in Politik und Wirtschaft und Bürokratie nicht besser. Zur Zeit werden Rüstungsausgaben in Größenordnungen von Milliarden erhöht, man erwägt die Entwicklung und Anschaffung von Kampfdrohnen und das Kindergeld wird um 4 € erhöht.

Oder denkt an die Manager, die für die Wertsteigerung der Aktien eines Unternehmens sorgten indem Mitarbeiter entlassen wurden.

Die alle sind in diesem Sinne „Mietlinge“ denen „das Wehe“ des Propheten gilt.

  1. Der gute Hirte

    Jesus, der gute Hirte. Was könnte dies Bild für uns bedeutet, in einer Zeit, in der Hirten uns fremd sind?

    2.1 Der Hirte führt und versorgt die Herde

    Eine der wesentlichen Hirtenaufgaben war das „Führen“ und „Versorgen“ der Herde.
    Jesus führt uns indem seine Worte und Handeln die Maßstäbe unseres Lebens sind. Wenn wir den Geist, aus dem Jesus sprach und handelte, verinnerlichen wissen wir wo es lang geht.

    Wir werden durch Medien, Moden, Informationen, den Geist unserer Zeit beeinflusst. Aber wir lassen uns nicht davon bestimmen! Wir behalten unsere Freiheit weil wir den Geist Jesu verinnerlicht haben. Wir fallen nicht auf Parolen wie z.B. von Pegida herein, hören nicht auf Stammtischgerede. Wir gehen keinem Ismus auf dem Leim. Keinem frommen und keinem politischen. Wir tun nicht „was man tut“. Wir machen uns unabhängig von Moden und entscheiden nach dem Besten für die Welt, für unseren Nächsten und für uns. Alles das weil Jesu Geist unser innerer Kompass ist. Wir erfahren damit Freiheit und Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.

    Der Hirte versorgt die Herde. Er sucht die „grüne Aue“und das „frische Wasser“. Jesus sagt: (Mt. 6,25ff)

        Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet… Sehet  die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.

Indem wir vom „Haben“ loslassen und die Sorge Sorge sein lassen können wir leichter leben.

2.2 Der gute Hirte kennt die Seinen

        Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. (Joh. 11,14)


Das Wort „kennen“, das hier im grie. Text steht gibt den Sinn des Gemeinten nur ungenau wieder. Kennen beschreibt eine innige Beziehung zweier Personen zueinander. Vielleicht so wie ein Paar miteinander lebt, dass durch Höhen und Tiefen miteinander gegangen ist, das Krisen bewältigt hat und sich immer noch von Herzen zugetan ist. Das manchmal zur gleiche Zeit das gleiche denkt und ausspricht.

Aber auch das ist nur ein Abglanz des Gemeinten. Dies „kennen“ bedeutet sich einander völlig vertrauen. Und nicht nur, dass ich Jesus und Gott vertraue – auch umgekehrt: Jesus vertraut mir.

Im tiefsten Sinne meint das „kennen“ die „unio Mystica“, die Vereinigung von Mensch und Gott. Angelus Silesius schreibt: „Nichts ist als ich und du – und wenn wir zwei nicht sein, so ist Gott nicht mehr Gott und fällt der Himmel ein.“

Zu Anfang sagte ich: Im Text des Evangeliums geht es gar nicht um Schafe. Es geht um Hirten.

Aber, der Hirte ist nur Hirte solange er Schafe hat, für die er lebt und arbeitet.

Ohne die Schafe ist er – nichts! Ein Hirte ist nur Hirte wenn er Schafe sein eigen nennt, erst dann kommt er zum Ziel. Und auch nur mit dem, was die Schafe geben, kann er leben und überleben – von Wolle und Milch, aber auch von Fellen und Fleisch. Auch von daher wächst „den Schafen“ Wert zu – sie sichern das Überleben des Hirten, so wie er durch das Suchen von Wasser und Weideplätzen das Überleben der Schafe sichert. Eine Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit.
Laßt mich zum Schluß eine Aussage wagen: Gott ist nur Hirte für uns, wenn wir Schafe in seiner Herde sind, und er kann nur Hirte sein, wenn wir „seine Schafe“ sind. Wir sind aufeinander bezogen, einer ist ohne den anderen Nichts. Und Gott braucht „seine Menschen“ wie wir ihn. Heute kommt Gott durch uns in die Welt. Albert Schweitzer schreibt in seiner Theologie vom Reich Gottes: „Das Kommen des Reiches Gottes wird dadurch herbeigeführt, daß Jesus in unserem Herzen zur Macht kommt und durch uns in die Welt.“ Gott braucht seine Menschen wie seine Menschen Ihn brauchen.

Amen

Dieter Hartwig

(Ev. Luth. Kirchengemeinde Medelby)