Der gute Hirte – Predigt am Sonntag Misericordias Domini

Predigt zu Joh. 10, 11-14 – Sonntag Misericordias Domini

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
12 Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht – und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie –,
13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe.
14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich,

 

Liebe Schafe!

Die Anrede ist nicht schmeichelhaft. Durchaus kann sie als Beleidigung verstanden werden. Wir sind selbständige, aufgeklärte Menschen, stehen mit beiden Beinen im Leben und wollen durchaus keine Schafherde sein. Manchmal benehmen wir uns wie dumme Schafe; dabei weiß ich gar nicht ob Schafe dumm sind. Schäfer würden mir vielleicht widersprechen. Mir gefällt es nicht, dass dieser Text mich mit einem Schaf vergleicht und ich Teil einer Schafherde bin.

schafSchafe sind sehr genügsam, können unter widrigsten Bedingungen überleben, erklimmen steile Berghänge und leben große Teile des Jahres in völliger Freiheit und Unabhängigkeit von ihren Hirten, bringen ihr Lämmer ohne jede Hilfe auf die Welt. Starke Tiere! Was wäre, wenn ich deren Stärke und Unabhängigkeit, Härte und Genügsamkeit hätte?

Sie geben Wolle, Fell und Fleisch, manche geben Milch, man kann leckeren Käse daraus machen. Sie stehen für Wärme und Nahrung. Und sind damit sehr produktiv und nützlich, obwohl sie außer ein paar trockenen Gräsern und Wasser nichts fressen, vor allen Dingen keine anderen tierischen Lebewesen. Unvorstellbar, dass ich mit so wenig körperlicher, geistiger und seelischer Nahrung, mit so wenig Raubbau oder Gewalt an mir und gegenüber anderen so viele Beiträge für die Gemeinschaft leisten könnte…..

Bei näherem Hinsehen sieht auch jedes Schaf anders aus und blökt anders. Vielleicht bin nur ich es, die die Schafe mir ihre je eigenen Individualität nicht auseinanderhalten kann? Vielleicht geht es mir bei den Schafen wie bei Menschen aus anderen Ländern – weil sie uns fremd sind sehen wir nur das Fremde – und die individuellen Unterschiede zwischen den Schafen treten hinter dem Fremden zurück? Vielleicht ist es mein eigenes mangelndes Differenzierungsvermögen, was den Schafen Herdenverhalten und fehlende Individualität unterstellt.

So haben Schafe durchaus Eigenschaften, die ich mir zum Vorbild nehmen könnte: Etwas weniger Individualität, etwas mehr Genügsamkeit und weniger Ansprüche für mich selbst, etwas mehr Beiträge zum Gemeinwohl.

Doch eindeutig sind meine Gefühle nicht. Ich liebe, wie wohl die meisten von uns den 23. Psalm. Da wird mir ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Ich kann meine Sorgen loslassen. Der Psalm tröstet und macht Mut. Also doch Schaf sein?

Im Text des Evangeliums geht es gar nicht um Schafe. Es geht um Hirten.

  1. Der Hirte

    Hirten in den Ländern Vorderasiens haben nichts mit einer kitschigen Schäfer-Idylle zu tun. Große Teile Palästinas, dem Land der Bibel und darüber hinaus, eignen sich nicht für den Ackerbau und somit einer sesshaften Lebensweise. Es gab und gibt heute noch Nomaden, die mit ihren Herden die karge Steppenlandschaft durchziehen. Immer auf der Suche nach Wasser und Weideplätzen. Immer bereit für Wasser und Weiderechte sich auf handfeste Auseinandersetzungen einzulassen. Immer bereit sich gegen zwei- und vierbeinige Räuber zur Wehr zu setzen. Abraham, Isaak und Jakob, die Stammväter Israels, waren solche Nomaden.

    In dieser nomadischen Kultur wurde der Hirte zum Bild für den verantwortungsbewussten Herrscher. Die Sumerer, die Assyrer, die Babylonier und die Griechen zur Zeit Homers nannten ihre Könige Hirten. Das war ein Ehrentitel. In Israel wurde der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit diesem Titel bedacht.
    Nicht die Schäfer-Idylle, sondern dieses Bild sahen die Zuhörer Jesu als er sagte: „Ich bin der gute Hirte.“

    Das Gegenteil des „guten Hirten“ ist der „Mietling“. Man kann das Wort, das im grie. dort steht auch mit „Söldner“ übersetzen. Der „Mietling“ oder der „Lohnarbeiter“ tut seinen Job, aber er ist kein Hirte. Der „Mietling“ arbeitet für seine Interessen und wenn es gefährlich wird lässt er die Herde Herde sein. Der Prophet Ezechiel geißelt solche Nichthirten: (Ez. 34,2ff)

 

        So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt.

Wir kennen solche Nichthirten aus der eigenen Geschichte. Und unsere Großväter und Großmütter, Väter und Mütter waren wie eine Schafherde. „Führer befiehl, wir folgen dir.“

Oder denkt an die Führungsclique der vergangenen DDR. Das Land betrachteten sie als Selbstbedienungsladen.

Oder die vielen Diktatoren, Präsidenten in Afrika, Asien, Europa. Rupert Neudeck nannte sie „Kleptokraten“.

Und in vieler Hinsicht sind unsere Führer in Politik und Wirtschaft und Bürokratie nicht besser. Zur Zeit werden Rüstungsausgaben in Größenordnungen von Milliarden erhöht, man erwägt die Entwicklung und Anschaffung von Kampfdrohnen und das Kindergeld wird um 4 € erhöht.

Oder denkt an die Manager, die für die Wertsteigerung der Aktien eines Unternehmens sorgten indem Mitarbeiter entlassen wurden.

Die alle sind in diesem Sinne „Mietlinge“ denen „das Wehe“ des Propheten gilt.

  1. Der gute Hirte

    Jesus, der gute Hirte. Was könnte dies Bild für uns bedeutet, in einer Zeit, in der Hirten uns fremd sind?

    2.1 Der Hirte führt und versorgt die Herde

    Eine der wesentlichen Hirtenaufgaben war das „Führen“ und „Versorgen“ der Herde.
    Jesus führt uns indem seine Worte und Handeln die Maßstäbe unseres Lebens sind. Wenn wir den Geist, aus dem Jesus sprach und handelte, verinnerlichen wissen wir wo es lang geht.

    Wir werden durch Medien, Moden, Informationen, den Geist unserer Zeit beeinflusst. Aber wir lassen uns nicht davon bestimmen! Wir behalten unsere Freiheit weil wir den Geist Jesu verinnerlicht haben. Wir fallen nicht auf Parolen wie z.B. von Pegida herein, hören nicht auf Stammtischgerede. Wir gehen keinem Ismus auf dem Leim. Keinem frommen und keinem politischen. Wir tun nicht „was man tut“. Wir machen uns unabhängig von Moden und entscheiden nach dem Besten für die Welt, für unseren Nächsten und für uns. Alles das weil Jesu Geist unser innerer Kompass ist. Wir erfahren damit Freiheit und Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.

    Der Hirte versorgt die Herde. Er sucht die „grüne Aue“und das „frische Wasser“. Jesus sagt: (Mt. 6,25ff)

        Sorgt nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet; auch nicht um euren Leib, was ihr anziehen werdet… Sehet  die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.

Indem wir vom „Haben“ loslassen und die Sorge Sorge sein lassen können wir leichter leben.

2.2 Der gute Hirte kennt die Seinen

        Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt und ich kenne den Vater. (Joh. 11,14)


Das Wort „kennen“, das hier im grie. Text steht gibt den Sinn des Gemeinten nur ungenau wieder. Kennen beschreibt eine innige Beziehung zweier Personen zueinander. Vielleicht so wie ein Paar miteinander lebt, dass durch Höhen und Tiefen miteinander gegangen ist, das Krisen bewältigt hat und sich immer noch von Herzen zugetan ist. Das manchmal zur gleiche Zeit das gleiche denkt und ausspricht.

Aber auch das ist nur ein Abglanz des Gemeinten. Dies „kennen“ bedeutet sich einander völlig vertrauen. Und nicht nur, dass ich Jesus und Gott vertraue – auch umgekehrt: Jesus vertraut mir.

Im tiefsten Sinne meint das „kennen“ die „unio Mystica“, die Vereinigung von Mensch und Gott. Angelus Silesius schreibt: „Nichts ist als ich und du – und wenn wir zwei nicht sein, so ist Gott nicht mehr Gott und fällt der Himmel ein.“

Zu Anfang sagte ich: Im Text des Evangeliums geht es gar nicht um Schafe. Es geht um Hirten.

Aber, der Hirte ist nur Hirte solange er Schafe hat, für die er lebt und arbeitet.

Ohne die Schafe ist er – nichts! Ein Hirte ist nur Hirte wenn er Schafe sein eigen nennt, erst dann kommt er zum Ziel. Und auch nur mit dem, was die Schafe geben, kann er leben und überleben – von Wolle und Milch, aber auch von Fellen und Fleisch. Auch von daher wächst „den Schafen“ Wert zu – sie sichern das Überleben des Hirten, so wie er durch das Suchen von Wasser und Weideplätzen das Überleben der Schafe sichert. Eine Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit.
Laßt mich zum Schluß eine Aussage wagen: Gott ist nur Hirte für uns, wenn wir Schafe in seiner Herde sind, und er kann nur Hirte sein, wenn wir „seine Schafe“ sind. Wir sind aufeinander bezogen, einer ist ohne den anderen Nichts. Und Gott braucht „seine Menschen“ wie wir ihn. Heute kommt Gott durch uns in die Welt. Albert Schweitzer schreibt in seiner Theologie vom Reich Gottes: „Das Kommen des Reiches Gottes wird dadurch herbeigeführt, daß Jesus in unserem Herzen zur Macht kommt und durch uns in die Welt.“ Gott braucht seine Menschen wie seine Menschen Ihn brauchen.

Amen

Dieter Hartwig

(Ev. Luth. Kirchengemeinde Medelby)

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