2016 – Martinas Herbstreise nach Chicago

Am 16.10.2016 holte mich Marvin ab, jetzt sollte es losgehen, meine Reise in die USA. Ich hatte sehr große Angst. Angst vor dem Fremden, Angst vor der Sprache, Angst vor der Reise und Angst vor dem Flug. Noch nie habe ich so eine Reise gemacht und dies auch noch ganz allein.

Mein Sohn, der mich nach Flensburg zum Bahnhof brachte, versuchte sein Bestes mir dieses Angstgefühl zu nehmen.

In Flensburg stieg ich in die dänische Bahn Richtung Fredericia ein. Ja, und dann kam ich sofort in eine andere Welt, denn ich musste sofort im Zug Englisch sprechen. Um 0.48 Uhr stieg ich in Fredericia aus, musste mit Rucksack, Handgepäck und großem Koffer das Gleis wechseln. Nachts waren alle Geschäfte in diesem kleinen Bahnhof geschlossen und ich musste mitsamt meinem Gepäck in einem Wartehäuschen bis 2.08 Uhr warten. Ein wenig war es schon unheimlich.

Der Zug nach Kopenhagen kam pünktlich an, leider gab es aber auf der Strecke viele Verzögerungen, so dass ich ein Taxi nehmen musste, um pünktlich im Kopenhagener Flughafen zu sein. Alle Vielflieger hatten gesagt, am Kopenhagener Bahnhof würde immer ein Taxi stehen. Aber Pustekuchen, es stand kein Taxi mehr dort. Ich musste warten! Dann kam ein Taxi, ein netter Mann aus Saudi-Arabien. Wir haben uns auf Englisch unterhalten, naja, ich habe es wenigstens versucht. Aber auch er war der englischen Sprache nicht so mächtig, so dass ich meine Ängste etwas verlor. Er fuhr mich schnell zum Airport, denn die Zeit war sehr knapp.

Im Airport angekommen herrschte leichtes Chaos und ich hatte Schwierigkeiten den Martina 1Schalter für Airberlin zu finden. Auch hier fragte ich mich einfach durch, natürlich wieder auf Englisch. Wenn jemand sagt, Menschen seien so unfreundlich, muss ich sie eines Besseren belehren. Ohne all die freundlichen und hilfsbereiten Menschen auf dieser Reise wäre ich vermutlich in Chicago niemals angekommen.

Die erste Personenkontrolle musste jetzt überwunden werden und was war, natürlich piepste dort das Gerät und ich musste mit hochgehaltenen Händen und in einer Drehbewegung zweimal durch diese Kontrolle. Aber ich wurde so freundlich behandelt, dass mir dies überhaupt nichts ausmachte. Im Flieger nach Berlin saß ich bei einer dänischen Familie. Wir unterhielten uns, natürlich auf Englisch, und ich erzählte von meiner großen Reise. Die Wetterverhältnisse waren so extrem, dass der Flug mit großer Verspätung startete. Ich saß ganz hinten und überlegte schon, wie ich den Anschlussflug von Berlin Chicago nur schaffen sollte. Immer wieder kam durch, dass man sich so schnell wie es geht zu seinem Flug begeben sollte.

Der Vater der Familie, bei denen ich saß, organisierte für mich, dass die hintere Tür des Flugzeugs geöffnet wurde und dass ich als erstes aus dem Flugzeug steigen durfte. So rannte ich in die Halle in Berlin-Tegel und hatte überhaupt keinen Plan, wo ich mich nun hinbegeben sollte.

Doch auch hier kam mir ein netter junger Mann zu Hilfe. In Terminal A angekommen warteten schon alle auf mich. Natürlich musste ich wieder einchecken, auch hier musste ich zweimal überprüft werden.

Martina 2Dann ging es in den Flieger. Was für ein großes Flugzeug, wie viele Menschen an Bord, ich staunte! Ich saß ganz hinten, alle Passagiere schauten mich freundlich an, obwohl ich ja für die Verspätung des Fluges verantwortlich war. Meine Kinder, die mir diese Reise geschenkt hatten, hatten einen Fensterplatz für mich gebucht. Dies war so herrlich, ich habe die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut und jeden Moment genossen. Die Sicht war so einzigartig. Über Grönland sind mir die Tränen gekommen. Was für eine fantastische Welt und ich darf darauf leben. Danke Gott!!!!!

Neben mir saß eine 26jährige Deutsche, sie hatte Englisch studiert und arbeitete in einem Büro für Sprachaufenthalte in den USA. Da wir lange Zeit miteinander verbringen durften, unterhielten wir uns und ich erzählte ihr, dass ich ein wenig Angst vor der Einreise hatte, über die Immigration machte ich mir schon viele Gedanken. Die junge Frau machte mir den Vorschlag in meiner Nähe zu bleiben und sofort bei sprachlichen Schwierigkeiten einzugreifen. Die Landung war absolut angenehm, leider war die Sicht sehr schlecht, so dass ich die Skyline von Chicago nicht so erkennen konnte. Nun hieß es aussteigen und mit dem Strom in Richtung der Immigration. Mit Unterstützung der jungen Dame fühlte ich mich eigentlich sehr sicher. Plötzlich wurde eine Frau von Sicherheitskräften abgeführt, ich schluckte und ließ immer wieder die Sätze für die Immigration in meinem Kopf ablaufen, die ich solange geübt hatte. Ja, und dann kam der Moment, ein alter grimmig dreinschauender Mann winkte mich zu sich. Ich will gar nicht berichten, was ich alles falsch gesagt hatte. Eine fast 53jährige studierte Frau blickte in seine Augen und verhielt sich wie ein verschüchtertes kleines Mädchen. Vielleicht hätte er mich abführen lassen können, aber er machte die Fotos und auf recht unfreundliche Art und Weise zeigte er mir, dass ich einreisen durfte. Ich war so erstaunt, dass ich nachfragte, ob ich wirklich dürfte. Ich denke, dass auch er ein wirklich netter Mann war und spürte, dass ich große Angst vor ihm hatte. Ja, das Spiel „Hast Du Angst vorm schwarzen Mann?“, hätte ich in dem Moment absolut bejaht. Ich war mir sicher, da hatte Gott seine Hand mit im Spiel.

AirportO’Hare International Airport ist der größte internationale Flughafen der Stadt Chicago im Staat Illinois, USA, laut Wikipedia mit 78.000.000 Passagieren im Jahr. Was habe ich mir da für Gedanken, Ängste lange vor der Reise gemacht! Und nun kommt das Wunder: die Gepäckbänder waren in der gleichen Halle. Ich ging mit der jungen Frau zum Ausgang und auch hier war alles recht übersichtlich. Bob. der Mann meiner Freundin Paula, war noch nicht da. Die junge Frau und ich gingen zu einem Stand von McDonald und ich trank das erste Mal den amerikanischen Kaffee.

Als Bob vor mir stand, war die Freude groß. Meine junge Flugbegleiterin hatte ein Zimmer in Chicago Downtown vorbestellt. Für Bob, der Chicago wie seine Westentasche kennt, kein Problem. Wir nahmen sie mit…

chicago-wallpaper10Was für eine Stadt, Menschen, Autos, Straßen, die Loop und die Chicago Elevated, diese Bahn sah ich und wusste, mit der muss ich fahren. Keine Ahnung warum, ich bin gar nicht die passionierte Bahnfahrerin.

 

Bei Paula und Bob angekommen, kam der Moment, auf den ich mich so sehr gefreut hatte. Ich besuchte Paula in Valparaiso in ihrem Haus. Wir sahen uns, lagen uns in den Armen und haben nur gelacht vor Freude. Dann wurde geschnackt und geschnackt, Kaffee getrunken Tasse um Tasse. Ja, ich habe diese Zeit sehr genossen.

 

Der 19.10. 2016 mein dritter Geburtstag, obwohl für mich jeder Tag ein Geburtstag ist, Martina 3aber am 19.10.2013 hat sich mein Leben doch sehr verändert. Diesen Tag durfte ich mit Paula feiern. Wir sind zum Indiana Dunes State Park gefahren. Herrliches Wetter, der Michigansee traumhaft, die Sicht so klar, dadurch auch die Skyline von Chicago erkennbar und an meiner Seite Paula, hätte es noch besser sein können? Doch perfekt wäre gewesen, all meine Kinder hätten mich begleiten können. Es gibt viele anstrengende Momente im Leben, dann sollte man sich an die erinnern, die so friedlich, schön und so voller Wärme sind.

So ruhig der 19.10.16 auch war, am 20.10.16 bin ich mit zu Paulas Schule gefahren. Erste bis achte Stunde Unterricht, 12jährige bis achtzehnjährige Schüler, Deutschunterricht. Die Schüler gebrochen Deutsch und ich gebrochen Englisch, wie hatten so viel Spaß! Mir wurde klar, egal wo ich lebe, meinen Traumberuf habe ich gefunden.

Meine Bahnfahrt mit der Chicago Elevated will ich noch erwähnen. In Chicago gibt esMartina 4 viele unterschiedliche Menschen. Ich habe in Chicago schlimmste Armut gesehen und gerochen, sicher haben mich einige Menschen auch etwas irritiert, aber in dieser Stadt leben die Menschen in ihrer Andersartigkeit miteinander. Das möchte ich auch mit der Bahnfahrt durch die Loop bekräftigen, diese Bahn war übrigens sehr sauber. Paula und ich saßen zusammen, ein Mann, der sehr heruntergekommen aussah, saß auf der anderen Seite, eine Frau mit einem Wahnsinnspelz und über und über mit Schmuck behangen, setzte sich zu ihm. Es fand zwar kein Gespräch der beiden statt, aber sie benahm sich ganz normal, nicht überheblich. Diese kurze Episode hat mir klar gemacht, egal wie mein Gegenüber aussieht, sich verhält, er gehört zu meinem Leben dazu.

Am 23.10.2016 bin ich in die First United Methodist Church of Valparaiso gegangen. Toll war, dass ich die Predigt verstanden habe, da mir die Bibeltexte bekannt waren. Ich erlebte einen lebendigen Gottesdienst, Halleluja!

Valpo FUMC

(Quelle: Valpo FUMC – Facebook-Profil)

Die Rückreise am 27.10. um 15.25 Uhr Chicagoer Zeit, in Deutschland 22.25 Uhr, begann wie die Hinreise im Chaos. Man hatte mich an ein falsches Gate geschickt, auch mein Boarding Pass wies das falsche Gate aus. Nach einer gewissen Zeit kam mir das Warten sehr merkwürdig vor und ich sprach daher einen Herrn an. Dieser erklärte mir, dass mein Flieger auf einem ganz anderen Gate stehen würde. Voller Angst mein Boarding zu verpassen, raste ich durch die Halle und hatte wirklich in letzter Minute den richtigen Flugsteig erreicht. Ich konnte ins Flugzeug. Leider hatte ich auf diesem Flug keinen Fensterplatz. Doch saß ich neben einer amerikanischen Lehrerin und wir kamen ins Gespräch, auch war ich nach dieser aufregenden Reise sehr müde. In Berlin angekommen, ging es weiter nach Kopenhagen, von Kopenhagen nach Fredericia und dann mein Heimatbahnhof Flensburg.

Dort warteten schon Lea und Ennie auf mich.

Es war eine tolle Reise mit sehr schönen Momenten und wunderbaren Menschen.

Am Anfang der Reise hatte ich das Gefühl diesen Berg voller Angst nicht erklimmen zu können. Doch Gott schenkte mir immer wieder Menschen, besonders meine Kinder, die mir Mut zusprachen und an mich glaubten. Ich bin dankbar nicht im letzten Moment, der Angst nachgegeben zu haben. Doch am schönsten ist es für mich bei meiner Familie zu sein.

Martina Krüger-Mattes

 

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