„Love first“ – Zu lieben sind wir da

Themapredigt mit Bezug zu 1. Johannes 4,7-21

von Superintendentin Irene Kraft

(„Love first“ – Zu lieben sind wir da* deutscher Titel des Buches „Our Purpose is Love“ von David Field)

1. You only had one job

„Memes“ sind lustige Fotos oder kurze Videos zu unterschiedlichsten Themen, die im Internet auf Youtube oder in sozialen Netzwerken kursieren. Eine große Sammlung unterschiedlicher Bilder und Filmchen gibt es zu dem Stichwort: „You only had one job!“

Für  mich lässt sich der „eine Job“, den wir als Christen haben in ein Wort fassen: LIEBE.

In 1. Johannes 4, 7-21 beschreibt ausführlich, wie zentral die Liebe für unser Leben als Christen ist:
– Gott ist Liebe (V8)
– Aus Liebe hat Gott seinen Sohn gesandt und hingegeben (V9f) Wir kommen von Karfreitag und Ostern her. Durch das Kreuz hat Gott uns gezeigt, wie unendlich groß und seine Liebe ist. Sie ist so stark, dass sie Hass, Schuld und Tod überwindet.

– Gott zu lieben und unsere Mitmenschen zu lieben gehört untrennbar zusammen (V11). Jesus hat auf Nachfrage einmal erklärt: das höchste und wichtigste Gebot, in dem alle anderen Gebote zusammengefasst sind, ist dieses: Gott lieben und den Nächsten lieben (Mk. 12,31f)

Manche wenden dagegen gerne ein:
– Liebe ist harmlos: der „liebe Gott“ ist der Rauschebartgott auf der Wolke; man muss doch auch noch anders vor Gott reden.
– mit Liebe allein kommt man in unserer Welt nicht weit – schon gar nicht in der Auseinandersetzung mit  anderen Meinungen oder Menschen mit ganz anderen Hintergründen

Ich finde, die Liebe, von der in der Bibel die Rede ist, alles andere als harmlos! Gottes Liebe ist radikal. Jesus hat sie vorgelebt:
– sie ist ganzheitlich, betrifft den ganzen Menschen: Jesus hat Menschen geheilt, er hat sie von Bindungen befreit, er hat sie aus dem gesellschaftlichen Abseits geholt, er hat Schuld vergeben, er hat ihnen neue Lebensperspektiven eröffnet.
– sie gilt nicht nur Freunden und Gleichgesinnten, sondern auch Kritikern, Skeptikern, sogar Gegnern und Feinden. Jesus hat nicht nur Freunde um sich gesammelt, die so waren wie er, sondern die unterschiedlichsten Typen in seinen Jüngerkreis geholt. Er hat dazu aufgefordert, selbst die Feinde zu lieben und hat das bis zum Kreuz vorgelebt („Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“).
– In seiner Liebe war Jesus selbstlos und uneigennützig und konsequent bis ins Letzte. Er hat trotz aller Anfeindungen und Verletzungen sich nicht zu Gewalt und Hass hinreißen lassen, sondern hat bis zum bitteren Ende am Kreuz um Versöhnung, um Miteinander gerungen und an Gottes Liebe festgehalten.

„Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh. 14,9): So leidenschaftlich ist Gott in seiner Liebe für die Welt und für uns. Er gibt nicht auf.

Bis heute hat er nicht aufgegeben, obwohl wir immer noch in einer Welt leben, in der Konflikte, Hass, Missbrauch und Ausgrenzung Alltag sind. Wir erleben, wie rau der Ton geworden ist, teilweise auch unter Christen:

–  Der Slogan aus dem  Wahlkampf von US-Präsident Trump „America first“ hat viel Resonanz gefunden auch in anderen Ländern.
– Unterstellungen, Ressentiments, Verunglimpfungen sind mittlerweile an der Tagesordnung. Jahrzehntelang als selbstverständlich betrachtete Errungenschaften von Demokratie und Grundformen von Höflichkeit und Fairness scheinen immer mehr ausgehebelt zu werden.
– Meinungsfreiheit und Meinungsvielfalt werden an vielen Stellen nicht mehr geachtet, sondern bekämpft, sei es in den Flüchtlingsdebatten in unserer Gesellschaft oder leider auch in der Debatte um den Umgang mit Homosexualität in unserer Kirche.

2. Methodistische Identität: Liebe

Für unseren Kirchenvater John Wesley war die Liebe das absolute Herzstück alles Denkens über und Redens von Gott. Die Liebe ist sozusagen der Filter, durch den alle Aussagen der Bibel laufen müssen. John Wesley hatte das für sich sehr persönlich erfahren: Gottes Liebe geht allem voraus, sie ist unverdientes Geschenk, das er uns Menschen macht. Wir müssen und können sie uns nicht verdienen, sondern nur empfangen: Er sagt ja zu  mir; er nimmt mich an, er füllt die Leerstellen in mir.

Gottes Liebe anzunehmen und aufzunehmen bleibt nicht ohne Folgen, sondern verändert/transformiert mich. Ja, ich muss und kann mir Gottes Liebe nicht verdienen, aber sie hat den Anspruch und die Kraft, mich zu erfüllen, mein Leben zu durchdringen und zu verändern in der Nachfolge Jesu:
– Nicht mehr ich selbst und die Sorge um mein Wohlergehen sind der Nabel der Welt. Statt „unterm Strich zähl ich“ befreit mich Gottes Liebe dazu, die Welt um mich herum mit seinen Augen zu sehen und zu begreifen, dass es nicht nur um mich geht, sondern Gott seine gesamte Schöpfung und alle seine Geschöpfe ebenso leidenschaftlich liebt wie mich.
– Gottes Liebe kommt dann zu ihrem Ziel, wenn sie nicht nur in mein Leben hinein strahlt, sondern wenn ich sie reflektiere und weitergebe. Deshalb gehört Gott zu lieben und den Nächsten lieben so eng zusammen; das fängt ganz praktisch damit an
…wie ich über andere rede: abschätzig oder wertschätzend

… wie ich über andere urteile: pauschal oder nachdem ich ihre Position gehört und zu verstehen versucht habe.

… ob ich den einzelnen Menschen sehe oder nur das Klischee: Die Flüchtlinge, die Homosexuellen, die AFDler, die…
Und das geht weiter mit Fragen wie: Wo bin ich für andere da und investiere mich für sie – selbst wenn es meine Kraft, meine Zeit, mein Geld, meine Bequemlichkeit, meine vorgefassten Meinungen kostet?

Liebe ist dabei mehr als ein „Gefühl“ das ich haben kann oder auch nicht. Sie ist eine Grundhaltung und ein Grundwert, denen ich mich verschreibe.

Mit unserer eigenen Kraft, unserer eigenen Kraftanstrengung wären wir schnell ausgebrannt und am Ende. Menschen lieben, uns für sie engagieren und investieren, das gelingt nur, wenn wir selber immer wieder auftanken, Kraft schöpfen, uns Liebe schenken lassen. Dafür hat Gott uns geschenkt, was wir als Methodisten mit  „Gnadenmittel“ bezeichnen: Kanäle oder Gefäße, durch die seine Liebe zu uns kommt, wo wir in seiner Gegenwart aufatmen,  Vergewisserung finden, das Reservoir auffüllen können: z.B. im Gottesdienst, im Gebet, im Studium seines Wortes, durch Fasten oder dadurch, dass wir anderen Gutes tun. Und auch wenn es meines Wissens von Wesley nicht ausdrücklich als Gnadenmittel bezeichnet wurde, sind für mich persönlich Lieder und Singen eine wunderbare Möglichkeit, Gott zu begegnen und seine Gegenwart zu erleben.

4. „Love first“ – Zu lieben sind wir da

Zugegeben: Manchmal werde ich mutlos, angesichts all der Konflikte und Herausforderungen vor denen wir stehen in unserer Welt, un­serem Land, in unserer Kirche, unseren Gemeinden.  Aber ich will der Mutlosigkeit, dem Pessimismus, der Lieblosigkeit und Hoffnungslosigkeit nicht das Feld überlassen und auch nicht mein Herz, mein Denken und mein Reden! Ich will mich immer wieder erinnern und ermutigen lassen, dass Gottes Liebe mein und unser Leben erfüllen will und Gott uns braucht, damit seine Gegenwart sichtbar und erlebbar wird

„Love first“ – Lasst uns der Liebe den ersten Platz einräumen. Ich glaube, das wird sichtbar und erlebbar für andere,
….wo sie merken, dass wir an ihnen als Person echtes Interesse haben und zuhören, ohne sie in Schubladen zu stecken oder schnelle vorgefertigte Antworten zu geben
….wo sie erleben, dass wir unsere Sichtweisen nicht absolut setzen, sondern  mit einer gewissen Demut damit rechnen, dass wir falsch und der andere richtig liegen könnte.
… wo aus der Überzeugung, dass Gott mich uns andere gleichermaßen liebt Respekt für die Meinung des/der anderen wächst Gottes Liebe und die Liebe, die sie in uns erweckt, ist alles andere als harmlos und schwach:

– Sprengkraft steckt darin – denn es geht um andere Prioritäten als den eigenen Vorteil oder den Vorteil der eigenen Gruppe.
– Riskant ist sie, denn sie könnte ausgenutzt werden.
– Herausfordernd ist sie, denn wer liebt kann sich nicht mehr mit einfachen Schwarz/Weiß-Einteilungen und Richtig/Falsch-Antworten begnügen.
– Verheißungsvoll ist sie, denn sie trägt das Potenzial in sich, dass sie den Tod überwindet und bleibt, wenn alles andere vergeht.

Ich hoffe und bete, dass ich selbst und wir in unseren Gemeinden keine Lachnummer sind für andere, weil wir unseren einen Job so unzulänglich machen, sondern das Gegenteil: Mögen andere uns abspüren, was uns erfüllt und antreibt und mögen sie dadurch selbst neugierig und sehnsüchtig werden, Gottes Liebe zu begegnen und ihr in ihrem eigenen Leben Raum zu geben.

Zu lieben sind wir da! „You have only one Job“: Als von Gott geliebte Menschen Gott zu lieben und unsere Mitmenschen zu lieben.

Amen.


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